Monthly Archive for Januar, 2010

BL 09/10 #20: Die Wundertüte zum Zurücklehnen

FCB – FSV Mainz 05 3:0

Nein, ich habe das Spiel nicht gesehen; ab der 30. Minute habe ich es im Radio verfolgt. Sehr entspannt.
So entspannt wie letzte Woche, vorletzte Woche, …

Zurücklehnen
Die Mannschaft verzweifelt nicht, wenn sie eine Fahrkarte nach der anderen schießt. Selbst einen verschossenenen Elfer kann ich gelassen zur Kenntnis nehmen, weil die Mannschaft spätestetens in der zweiten Halbzeit den Sack zumacht.
Es gibt einen Spielaufbau. Jeder weiß, was er zu tun hat und wird entsprechend positioniert. Bastian Schweinsteiger scheint die neue Form der Unantastbarkeit in der Zentrale gut zu tun. Er steigert sich von Spiel zu Spiel.
Edson Braafheid soll ausgeliehen werden.

Beunruhigend
Wo ist der Heiland? Ah! Rechts! Zur Zeit ist das Arjen Robben, dem meistens auch etwas einfällt und seine Mitspieler gut in Szene setzt. Louis van Gaal tut ganz gut daran, Franck Ribéry noch zu schonen.
Dennoch ist diese Abhängigkeit von ihm beunruhigend, denn wenn es mal einer Mannschaft gelingt, ihn kaltzustellen, könnte es eng werden.

Wundertüte
Nein, diese Abwehr überzeugt immer noch nicht. Sie kann aber auch nicht glänzen, weil einfach der Maßstab fehlt. Die Mainzer Auftritte im Münchner Strafraum sahen sehr zufällig aus und endeten mangels Anspielbarkeit im Nichts. Zum Glück hat Martin Demichelis auch von Gaals Zaubertrank getrunken, ansonsten wäre er wohl nach dem Ellenogenstoß von Bance ausgerastet und für den Rest weder ansprech- noch anspielbar gewesen. Aber vielleicht war es dem Argentinier auch einfach nur zu kalt, wer weiß das schon?
Vorne ist auch nicht alles wunderbar. Mario Gomez findet sich inzwischen besser zurecht und rennt nicht mehr so oft ins Abseits, was aber aber auch an den bisher schlecht organisierten Abwehrreihen der Rückrundengegner liegen kann.

Ausblick
Nächste Woche geht es nach Wolfsburg. Auch wenn Lorenz-Günther Köstner, wie man aus seiner erfolgreichen Zeit in Unterhaching weiß, Beton anrühren kann, bietet dieses Spiel keinen Anlass zur Beunruhigung. Die Motivation dürfte nach dem letztjährigen 1:5 (inklusive Tor des Jahres) groß genug sein, um dort nichts anbrennen zu lassen. Daß Bayer Leverkusen immer noch Tabellenführer ist, sollte ebenfalls motivierend sein.
Wenn sich Robben beim Ausziehen seiner langen Unterhosen keine Bänderdehnung zuzieht und vielleicht auch noch Ribéry länger als 30 Minuten spielen kann, werden die Autostädter ein Déjà-vu erleben.

…und sonst
Zechbauer sah “Die totale Dominanz”.

Der Mantel und die Hausschuhe

An die Röcke an meinem Körper hat sich mein Umfeld inzwischen gewöhnt. Ich mich auch. Manchmal führt das so weit, daß ich gar nicht weiß, was ich gerade trage und auf die Nachfrage, warum ich heute Hosen trage, mit Stammeln reagiere.

Mittlerweile muss ich mich schon zu anderen, wesentlich unverfänglicheren Bekleidungsstücken äußern, auf die ich kaum eine zufriedenstellende Antwort weiß.

So wurde ich in den vergangenen drei Tagen zu einem Mantel befragt. Vor meinen Augen wurde spekuliert, daß dieses Stück, daß eigentlich nur schwarz ist und in der Oper ohne Schamgefühle an der Graderobe abgegeben werden kann, von BOSS sein muss. Was für ein wasserabweisendes Material enthalte, weil er so interessant glänzt. Woher ich ich denn den habe. Daß ich das gute Stück für 15 Euro in Berlin in einem Second Hand-Laden erstanden habe, erzeugt großes Erstaunen. (Das Stöbern in Berlin macht in der Tat mehr Spaß als in München.)

Ähnlich verhält es sich mit den neuen Hausschuhen, die ich seit vorgestern an meinem Arbeitsplatz trage. Vom spöttischen “Er hat neue Hausschuhe” (die seit Jahren heruntergekommenen Deichmann-Birkenstocks waren schon seit Jahren unhaltbar und -tragbar) innerhalb des Teams einmal abgesehen, erregen auch sie Aufsehen.
Sie sind orange. Es sind Crocs. Also nichts Besonders.
Dennoch werde ich häufig darauf angesprochen.
Orange ist meine Farbe, und ein Kollege hat schwarze Crocs. Verwechslungen im Schuhregal will ich vermeiden, und weiße werden so schnell dreckig. Sie korrespondieren natürlich nicht mit einem roten Pullover. Aber wir sind doch dort ein wenig daheim.

Ich habe noch eine lilafarbene Schneehose, die ich seit Tagen in der Hoffnung, mit der Bande endlich Schlitten fahren zu können, mit mir rumschleppe.
Ich bin auf alle möglichen Fragen und Äußerungen dazu gespannt…

Lehrkörper: Die Lehrprobe

Die Reihe “Lehrkörper” findet eine lange, annähernd zwei Jahre geplante, und dennoch überraschende Fortsetzung.

Besucht man eine Seminarschule, hat man im Laufe einer Gymnasialkarriere nicht nur sehr viele Lehrer, sondern auch sehr viele Referendare. Sie kommen unangekündigt zur ersten Unterrichtsstunde des neuen Schuljahres oder im Laufe des zweiten Halbjahres, wo sie zu Beginn sehr zahlreich am hinteren Ende des ohnehin schon engenen Klassenzimmers auf Klappstühlen dem Untericht ihres Seminarlehrers aufmerksamer als die Schüler lauschen. In der letzten Reihe sitzend hat man die notwendige Nähe, den noch euphorisch wirkenden Lehrnachwuchs genauer zu begutachten. Es sind rein optische Kriterien, die relevant sind.

Nach einigen Wochen wird eine dieser angehenden, jungen und unverbrauchten Lehrer auf die Klasse losgelassen. Geht man nach dem Aussehen, haben wir in der 11. Klasse nicht das große Los gezogen. Wir nannten sie Waldschrat. Tiernamen waren in der Klasse recht beliebt: eeine andere Referendarin nannten wir Pudel. Ihre Aussprache orientierte sich eher am Bavarian Kitchen English, als am feinen Oxford. “Nau juh gett jur Schulaufgabe”, war einer ihrer unvergesslichen Sätze. (Ihre miserable Phonetik wurde nur von einer aus Siebenbürgen zugezogenen Referendarin übertroffen, deren Deutsch schon kaum zu verstehen war.)
Ihr Unterrichtsaufbau orientierte sich am vorgegebenen Schema des Seminarlehrers und war dementsprechend langweilig. Im Gegensatz zu ihrem Lehrmeister ersparte sie uns ordinäre Details aus dem Privatleben. Opponiert haben wir dagegen nicht, weil wir nicht mehr in der 9. Klasse waren. Wir langweilten uns einfach. Wir wurden unsanft aus unerem Tiefschlaf geweckt, als sie stolz verkündetete, daß sie in unserer Klasse ihre Lehrprobe abhalten dürfe. Natürlich sei es wichtig, daß wir uns an diesem Tag eifrig am Unterrichtsgeschehen beteiligen, und sie werde sich erkenntlich zeigen, wenn wir ihrer Aufforderung folgten. Wir sicherten ihr zu, daß sie sich auf uns verlassen könne, konnten die Euphorie aber nicht mit ihr teilen.

Ich glaube, daß es es ein trister Montag war, als sie ihren großen Auftritt hatte. Zwei Seminarlehrer und der kleinwüchsige Direktor nahmen in der letzten Reihe auf Klappstühlen Platz, zückten ihre Notzblöcke und schauten sehr ernst.
Sie, der Waldschrat, erschien in einem gold glänzenden Kleid, das ihr Aussehen noch mehr karikierte. Es reichte fast bis zum Boden, hatte keine Ärmel, und auf den hochhackigen Schuhen konnte sie kaum laufen. Höflich, wie wir waren, ließen wir uns die Irritation nicht anmerken. Sie baute auf dem Pult ein Gerät auf, das selbst zu Beginn der 90er Jahre kaum einer mehr zuhause hatte: einen Radio-Kassetten-Rekorder. Recht nervös begann sie ihre Lehrprobe. Nach der gehaspelten Einführung spielte sie Sydney Youngbloods “If Only I Could”, ein Song der damals im Radio rauf- und runtergespielt wurde, ab.

(Link: YouTube)

Sie verteilte den Songtext, und wir sprachen eine Stunde engagiert über Völkerverständigung und Vorurteile. Dankbar darüber, mal nicht mit Frontalunterricht abgespeíst zu werden, waren die Wortmeldungen weit über dem Durchschnitt. “Poltical correctness” war als Begriff damals noch unbekannt, aber diese Stunde lief nicht nur inhaltlich unter diesem Motto ab.
Nach der dreiviertel Stunde verließen die beurteilenden Lehrkörper etwas irritiert das Klassenzimmer. Sie hinterließen eine ebenfalls irritierte Klasse, weil diese Form des Unterrichts die große Ausnahme war. Sie wurde eigentlich nur bei Lehrproben geboten.

Sie bekam eine Zwei.

Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war der Waldschrat genauso eine Eintagsfliege, wie es Sydney Youngblood war.

Lehrkörper (1): “Das ist mir zu vage.”
Lehrkörper (2): “Tace! Hoit’s Mai!”

Nachtrag, 29.01.2010
Einen Tag, nachdem ich diesen Artikel veröffentlicht habe, erzählt mir eine Kollegin von einer Bekannten, die in diesen Tagen ihr Referendariat am OvMG beginnt…

(Bild: Gerhard Elsner/Wikipedia Commons)

Sechsstellig

Herzlichen Dank fürs fleißige Lesen und Kommentieren auf den neurotischen Seiten!
Ich werde mich weiterhin bemühen, Lesenwertes zu schreiben.

Wahnsinn! Eine Homestory!

Ich habe keine Ahnung, ob sich die Anfrage von Frau B. und Nathalie nur an die Damenwelt richtete. Betont wurde es nicht, deswegen gibt’s auch von mir eine “Homestory”.

  1. Ich heiße nicht so. Aber ich bin einer.
  2. Ich mag Pseudonyme.
  3. Ich war mal in Vanessa Paradis verliebt.
  4. Ich habe mich fürchterlich dafür geschämt.
  5. Wenn ich mir anschaue, wer sie bekommen hat, kann mein Geschmack damals so schlecht nicht gewesen sein.
  6. Nicolette Krebitz finde ich heute noch begehrenswert.
  7. Ich esse alles außer Oliven und Rosinen
  8. Feigen und Datteln schmecken mir auch nicht.
  9. Ich bin ein dankbarer Esser und mache den Teller meistens leer.
  10. Bei Wasser bin ich anspruchlos; ich begnüge mich dem aus der guten Münchner Leitung.
  11. Ansonsten gerne getrunken: Rotwein, Bier und Johannisbeerschorle.
  12. Pappsüßes wie Cola oder Spezi vertrage ich nur nach einem Kater.
  13. Den Kaffee hätte ich bitte gerne als Espresso oder Cappuccino.
  14. Und bitte nicht aus dem Vollautomaten!
  15. Gerne auch mit Amaretto verfeinert.
  16. Und dazu natürlich eine Zigarette.
  17. Ich bin ohne Bekenntnis, also ein Heide.
  18. Ich habe aber an einer katholischen Schule meine Ausbildung gemacht.
  19. Zu einer Osterfeier wurde dort “Life of Brian” gezeigt.
  20. Meine hand sind lang und dünn.
  21. Ich habe sie von Mutter und Großmutter geerbt.
  22. Die Optik täuscht: Ich habe zwei linke Hände.
  23. Historische Person? Ich glaube, irgend so ein Surrealist wie Luis Buñuel oder René Magritte.
  24. Ein Lieblingsessen habe ich nicht. Dafür esse ich zu gerne unterschiedlich.
  25. Ich gehe gerne auf den Berg. Der Blick von oben ist ein Gefühl Freiheit.
  26. Ich flaniere auch gerne am Meer. Der Blick in die Weite ist wunderbar.
  27. Ich liebe mein Millionendorf.
  28. Ob es schönste Stadt ist?
  29. Rom und Wien sind auch wunderschön
  30. Aber ich mag auch so durchgeknallte Städte wie Brüssel.
  31. Ich bewege mich zwischen Melancholiker und Phlegmatiker.
  32. Gepaart mit Pedanterie und Chaos.
  33. Ich glaube, das ist für andere sehr anstrengend.
  34. Ich bin ein Arhythmiker.
  35. Für den Anfang würde mir schon ein Walzer reichen.
  36. Pogo kann man auch alleine tanzen.
  37. Ich liebe Taschen, Kappen und Schuhe.
  38. Und Röcke.
  39. Ich hatte noch kein Auto.
  40. Ich habe ja noch nicht einmal einen Führerschein.

Wer mag noch?

Ein Wagen von der Linie 8

Gestern bin ich auf einen 1964 entstandenen, wie ich vermute, alten Lehrfilm der damaligen Stadtwerke – Verkehrsbetriebe gestoßen, der seinen angehenden Fahrern zeigt, wie er sich mit der Trambahn im Straßenverkehr zu verhalten hat. Exemplarisch wurden die Verhaltensregeln anhand der Linie 8, die dank des Weiß Ferdls über die Stadtgrenzen hinaus zu zweifelhaften Ruhm kam, aufgezeigt.
Der 8er fuhr damals zwischen der Hofmansstraße in Obersendling und dem Scheidplatz in Schwabing quer durch die Stadt und war damals die längste Linie.

Der zweite Teil führt vom Harras über den Stachus zum Scheidplatz:

(Link: YouTube)

Teil 1: Hofmannstraße – Harras
Teil 3: Scheidplatz – Harthof

Noch im selben Jahr wurde die Linie 8 dreimal verlängert und fuhr ab Dezember 1964 zwischen Hasenbergl, Scheidplatz, Kurfürstenplatz, Stachus, Lindwurmstraße, Harras, Ratzingerplatz und Fürstenried West. Sie erreichte mit 20,8 Kilometern ihre größte Ausdehnung. Der 8er war die dennoch nicht die längste Linie. Den Rekord hält der 25er, der zwischen November 1975 und Mai 1976 zwischen Harthof und Grünwald verkehrte und auf stolze 21,3 Kilometer Länge kam. Am 23. November 1975 wurde die Linie 8 mit der Verlängerung der U-Bahn zum Harras eingestellt und tags zuvor mit großem Brimborium verabschiedet. Ihre Strecke wurde auf die Linien 13 (schon 1972), 25, U3/6 und 16 aufgeteilt.

Heute lebt die Linie 8 als Kundenmagazin der MVG weiter.

Quelle: Thomas Krauß: “Die Münchener Trambahnlinien”; Berlin, 1991

[via Eisenbahnforum]

Unter Schülern

754. Tatort: Hilflos (SR/ARD-Degeto; EA: 24.01.2010)

Ermittler: Hauptkommissar Franz Kappl (Maximilian Brückner), Hauptkommissar Stefan Deininger (Gregor Weber), Gerichtsmedizinerin Dr. Rhea Singh (Lale YavaÅŸ), Kriminaltechniker Horst Jordan (Hartmut Volle), Gerda Braun (Alice Hoffmann)
Figuren: Tobias Rothgerber (Sergej Moya), Jonathan Seibert (Florian Bartholomäi), David Kullmann (Volker Sträßer), Anna Lena (Vanessa Krüger), Theresa Kullmann [Davids Mutter] (Bettina Koch), Frau Seibert [Jonathans Mutter] (Gabriela Krestan), Frau Langfeld [Englischlehrerin] (Petra Lamy), Schuldirektor (Peter Tiefenbrunner), Herr Ruff [Sportlehrer] (Willi Fries), Frau Rothgerber (Barbara Scheck), Herr Rothgerber (Matthias Girbirg), LKW-Fahrer (Sebastian Müller-Bech), Pfarrer (Jörg Metzinger), Streifenpolizist (Carl Rolshoven), Streifenpolizistin (Kati Groll)
Drehbuch: Stefan Schaller, Sabine Radebold; Regie: Hannu Salonen

Hilflos: Deininger und Kappl

Es ist ein Tag wie jeder andere. Die Kommissare verabschieden sich nach getaner Arbeit lose auf ein Feierabendbier. Doch die Vermisstenanzeige von Tobias Rothgerber leitet einen Fall ein, der Kappl und Deininger an die Substanz geht.

Wenig später schon wird der vermisste Schüler David Kullmann tot auf dem Dach eines Parkhauses gefunden. Die Fundstelle ist nicht der Tatort, was die Kommissare noch ziemlich beschäftigen wird. Sie geraten so in einen Fall, der viele Fragen stellt und am Ende keine brauchbaren Antworten gibt: sie müssen sich mit dem Mobbing unter Schülern auseinandersetzen.

Zweckgemeinschaft zweier Außenseiter
Was will Tobias von Jonathan?Tobias Rothgerber und der tote David Kullmann waren Außenseiter in der Klasse. Die Jugendlichen haben sich angefreundet. Sie waren beste Freunde, wie Davids Mutter bestätigt. Gedemütigt von der Klasse, unter der Führung ihres Sprechers Jonathan Seibert, haben sie zueinander gefunden. Sie werden gemobbt. Ein Liebesbrief an die Freundin Jonathans wird vor der Gemeinschaft ins Lächerliche gezogen, Tobias’ Brotzeitdose mit dem Diddl-Maus-Motiv findet nur Spott und Hohn.

Kuscheln oder Daumenschrauben
Deininger versucht's mit KuschelnSo wird das Verhör von Tobias für die Kommissare zur Zerreißprobe: Er ist der einzige Verdächtige. Die Überführung nach der vorübergehenden Festnahme scheint eine reine Formsache zu sein, glaubt Kappl. Deininger ist davon nicht so überzeugt wie sein Kollege, und er behält Recht. So entwickelt sich ein Verhör unter dem von Deiniger ausgerufenen Motto “Kuscheln oder Daumenschrauben”. Deininger muss mit ansehen, wie der bayerische Emporkömmling scheitert, Tobias in die Enge zu treiben. Deininger scheitert aber ebenso mit seiner betont sanften Art. Viel mehr als genuschelte und zusammenhanglos wirkende Halbsätze bekommen beide nicht zu hören. Schließlich gibt Tobias nur zu, seinen toten Freund an die Fundstelle geschleift zu haben.

Offene Fragen statt vorauseilende Antworten
Der Fundort ist nicht der TatortAnhand von Videos, die auf Davids Festplatte gefunden werden, können die Ermittler den Fall peu a peu rekonstruieren, bekommen aber keine Antwort nach dem Motiv. So kommt Hilflos gar nicht erst in Versuchung, auf besserwisserische Art Lösungen aufzuzeigen, die sich nun mal nicht im Handumdrehen und durch blinden Aktionismus finden lassen. Betroffenheitslyrik, wie sie in politischen Sonntagsreden und Talkshows gerne schlagzeilenträchtig bemüht wird, bleibt dem Zuschauer erspart. Stellvertretend für eine überforderte Gesellschaft zeigt er zwei Kommissare, die bis zum Schluss im Dunkeln tappen und einen Fall zu den Akten legen müssen, ohne ihn wirklich aufgeklärt zu haben.

Weniger ist mehr
Die Autoren Stefan Schaller und Sabine Radebold arbeiten mit dem gebotenen Ernst ein Thema auf, das in den letzten Jahren stärker in die öffentliche Wahrnehmung gerückt ist: Mobbing unter Schülern. Sie entscheiden sich für einen scheinbar unspektakulären Mord, anstatt einen Amoklauf wie in Erfurt oder Winnenden ins Saarland zu verlegen. Das gibt dem Film den Raum, ein Thema aufzuzeigen, das nicht neu ist, aber mit dem Begriff Mobbing einen Namen bekommen hat. Hilflos ist zwar “nur” ein Film; aber er trägt zu einem gesellschaftlich relevanten Thema wesentlich mehr bei als viele oberflächliche Schlagzeilen.

Weiß statt Klischees
Was Weiß Anna Lena?Hilflos offenbart eine vermeintliche Schwäche – das Umfeld wird nur schemenhaft angedeutet. Schule, Lehrer, Eltern und Peer Group werden allenfalls am Rande beleuchtet. Nur das Elternhaus des Klassensprechers Jonathan Seibert wird näher skizziert. Das schnieke Anwesen liegt in einer Neubausiedlung am Rande der Stadt, Weiß dominiert. Heller Boden, weiße Sofas, weiße Wände, weiße Türen – nicht mal ein graues Staubkörnchen findet hier Platz. Und auch die Mutter trägt Weiß.

Kappl und Deininger befragen die MitschülerTobias’ Besuche entweihen dieses Haus. Dreckige Turnschuhe und Zigarettengestank reichen aus, um die Idylle ins Wanken zu bringen. Daran ändert auch das höfliche Lob für die Kochkünste der piekfeinen Mutter nichts. Das lässt diesen TATORT ein wenig eindimensional erscheinen. Die Zuspitzung auf die zwei Schüler erspart dem Zuschauer aber eine Geschichte voller Klischees. Der Film suhlt sich nicht im Hartz IV-Prekariat, wirft nicht die lästige Frage nach dem Verbot von Killerspielen auf, sondern konzentriert sich auf zwei Charaktere, die voneinander abhängig sind. So wird die vermeintliche Schwäche zu seiner großen Stärke.
(8,5/10)

Anhang
Hintergrund: Saarländischer Rundfunk, Tatort-Fundus, ein Portrait über Gregor Weber in der taz
Meinungen: Tittelbach.tv, Tatort-Forum

(Bilder: SR/Manuela Meyer)

BL 09/10 #19: Handschrift

Werder Bremen – FCB 2:3

Blickt man auf die Tabelle und die gestrigen Ergebnisse: das waren Big Points!

Derzeit bewerben sich die Bremer nicht um einen Platz, der zur Teilnahme an der Champions League qualifiziert, aber es gibt kaum eine Mannschaft, gegen die die Auswärtsbilanz und leider auch die Heimbilanz verheerender aussieht. Insofern war dieser Sieg wichtig fürs Selbstbewusstsein. Die Winterpause hat diesmal nicht geschadet; mit zwei Siegen im neuen Jahr ist der Start gut und mit Abstrichen überzeugend gelungen.
Es macht sogar Spaß, dem Spiel des FCB zuzuschauen, wenn es vorwärts geht. Man bekommt Kombinationsfußball und fein herausgespielte Spielzüge zu sehen. Mehr noch: es ist ein Spielaufbau zu erkennen!
Man merkt, daß Louis van Gaal eine Vorstellung vom Fußball hat, und derzeit ist seine Handschrift erkennbar. Vor der Abwehr hat er die richtige Mischung gefunden; dazu gehört auch, Bastian Schweinsteiger auf einer der Sechser-Positionen zu stellen. Er setzt wichtige Impulse im Spiel nach vorne. Ich habe den Glauben an ihn verloren, aber der Trainer hat wohl die richtige Verwendung für ihn gefunden, und Schweinsteiger scheint es ihm auch zu danken.
Zu kritisieren ist aber, daß sehr viele Chancen vergeben werden, was sich gestern beinahe gerächt hätte. Die Bremer, die sich im Freistellen von Räumen sehr spendabel zeigten, hätten in der ersten Halbzeit abgefrühstückt werden können.
Was sich in dieser Saison nur wenig rächt, ist die immer noch nicht überzeugende Abwehr. Der zwischenzeitliche Ausgleich war unnötig. Im Defensivverhalten sind Schalke 04, Bayer Leverkusen (das sich wohl heute abend die Tabellenführung wieder zurückholt) und Borussia Dortmund derzeit besser.
Speziell die die gut organisierten Ruhrgebietsvereine werden wir knacken müssen, wenn wir wirklich die Meisterschaft gewinnen wollen. International wird es noch für den AC Florenz reichen.
Mit Badstuber in der Innenverteidigung wirkte das fragile Gebilde stabiler. Lahm auf rechts überzeugt immer noch nicht restlos.

Bemerkenswert ist auch, daß die Mannschaft den Trainer nicht nur als Beschäftigungstherapeuten wahrnimmt, sondern wirklich vertraut. Neben seinen Vorstellungen steht er für eine vor allem letztes Jahr vermisste Ehrlichkeit. Er hat einerseits junge Spieler erfolgreich eingebaut, hat aber auch erkannt, daß “seine” Verpflichtungen Braafheid und Pranjic nicht stammplatztauglich sind. Und er hat den Kapitän gestärkt, der vor der Saison umstritten war. Mark’van Bommel war es wohl auch, der nach dem schwierigen Start in die Saison mannschaftsintern für den Trainer geworben hat, wie man zwischen den Zeilen bei seinem Besuch im Sportstudio heraushören konnte. Der Trainer dankt es ihm, indem er seine Vertragsverlängerung zur Selbstverständlichkeit erklärt.
Van Gaal wird auch dafür sorgen, daß der nächste Gegner, der FSV Mainz 05, der das erste Krsiengerede auslöste, nicht unterschätzt wird.

Vergebene Torchanchen hin, Abwehrverhalten her: Solange nur der Trainer beim Torjubel ausrutscht, kann man als Fan optimistisch in die Zukunft blicken.

BL 09/10 #18: Nachlese. Erklärung. Ausblick.

Für eine Nachlese ist es längst zu spät. Der bevorzugte Verein hat gegen wenig überzeugende Hoppenheimer einen Pflichtsieg eingefahren.
Aber was heißt schon Pflichtsieg nach einer Vorrunde, bei der nicht nur der Trainer zitterte?
Aber ein Sieg über den für meinen Geschmack einfach zu larmoyanten Ralf Rangnick macht trotzdem Spaß.

Der Fußball kehrt, sofern ich Lust und Zeit habe, wieder in dieses Blog zurück. Die Leserinnen und Leser, die Schlimmstes befürchten, kann ich beruhigen: meine Schlagzahl auf dem Anstoßpunkt war im letzten halben Jahr sehr gering. Selbst auf Twitter halte ich mich einigermaßen zurück…Aber ein wenig mehr Fußball wird es hier in Zukunft schon geben.
Spätestens im südafrikanischen Winter, wenn in Langaramtrikots die Weltmeisterschaft ausgespielt wird…

Heute spielt der FCB in Bremen.
Da ist alles drin. Meint man es mit der Meisterschaft ernst, muss dieses Spiel gewonnen werden. Erstens bereiten Siege in Bremen besonders viel Spaß und sind gut fürs Selbstbewußtsein, zweitens gab es nach Niederlagen im Weserstadion selten etwas zu lachen. So wurde der Nikolaus häufig zum Krampus. Und drittens ist die heurige Aubeute gegen die Spitzenmannschaften bis jetzt beschämend..
Nach drei Niederlagen sind die Grün-Weißen gefährlich, aber Özil scheint sich gerade eher mit seinen Vertragsmodalitäten zu beschäftigen und Marin mit seinem Fall im Frankfurter Strafraum am vergangenen Sonntag.
Auch wenn ein Sieg nach dem derzeitigen Tabellenstand nicht unbedingt ein Big Point bedeutet, nährte er die Hoffnung, auch auswärts gegen Spitzenmannschaften bestehen zu können.
Aber da Louis van Gaal wohl seine Stammformation gefunden hat, bin ich positiv gestimmt…

Man denkt an nichts Böses…

688. Tatort: Borowski und das Mädchen im Moor (NDR; EA: 17.02.2008)

Ermittler: Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg), Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert), Kriminalrat Roland Schladitz (Thomas Kügel), Ernst Klee (Jan Peter Heyne
Figuren: Klaus Raven (Andreas Schmidt), Iris Raven (Maria Schrader), Maria Raven (Isolda Dychauk), Fabrikant Strick (Peter Gavajda), Frau Strick (Nicola Ransom), Belinda Strick (Tabita Johannes), Internatsdirektorin (Irene Kugler) (sowie Clemens Löhr, Tilla Kratochwil, Holger Umbreit u.v.a.)
Drehbuch: Sascha Arango; Regie: Claudia Garde

“Ich mag keine Sümpfe”, brummt Borowski, als er die vermisste Internatsschülerin Belinda Strick im Moorgebiet suchen soll. MIssmutig, weil man ihm keine Leiche bietet, begibt er sich das neblige Moor, kämpft mit der modernen Technik des Wagens von seinem Vorgesetzten Schladitz und fährt einen Wolf an.

Klaus und Klaus
Was macht Klaus Raven im Moorsee?Irritiert von der Situation und dem Nebel begegnet Klaus Borowski dem Kaufhausdetektiv Klaus Raven, der ihn zum Internat fährt, wo er seine Tochter besuchen will. “Man denkt sich nichts Böses und tötet eine Kreatur”, erzählt der Kommissar dem Vater, mit dem er schnell ins Gespräch kommt. Sie tauschen Berufsgeheimnisse aus, erfreuen sich am gemeinsamen Vornamen und duzen sich alsbald.
Seiner Intuition folgend, stößt Borowski immer wieder auf seinen Namensvetter und weiht ihn in seine Theorie ein.

Zwei Mädchen, eine Rolle
Belinda fährt durchs MoorDie Industriellentochter Belinda Strick und ihre Klassenkameradin Maria Raven buhlen um die Rolle der Lola. Belinda ist intrigant, liest die Tagebücher anderer und klaut regelmäßig im nächstgelegenen Kaufhaus, das sie zweimal in der Woche aufsucht. Da sie dabei immer mit dem Rad durch das Moorgebiet fuhr, wird vermutet, daß ihr dort etwas zugestoßen sei. Sehr konkret wird das Bild eines Mädchens gezeichnet, das nur seinen eigenen Interessen und Zielen folgt und dabei keine Rücksicht auf ihre Umwelt nimmt.
Maria kommt dagegen aus einfachem Haus. Ihren Vater bezeichnet sie vor ihren Freundinnen als Kommissar, ihre Mutter finanziert das teure Internatsleben, indem sie ihre Liebesdienste zu Geld macht. Das Internat baut eine Distanz zu ihrem Elternhaus auf, so daß sie nicht mitbekommt, daß sich ihre Eltern finanziell am Abgrund befinden. “Was könnte schlimmer sein als unser Leben”, rechtfertigt die Mutter die hohen Ausgaben für die Tochter. Maria Schrader und Andreas Schmidt spielen ein Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat, aber aufgrund der finanziellen Verpflichtungen auf das Zusammenleben angeweisen ist. Stolz erfüllt die Eltern, als Maria nach dem Verschwinden Belindas die Rolle der Lola spielen darf, aber unmittelbar vor der Premiere bläst die Direktorin die Aufführung ab.

Intuition, Finte und Wolf führen zum Ziel
Borowski sucht nach SpurenWährend Schladitz glaubt, daß Belinda in die Türkei geflohen sei, weil ihr Handy von dort Signale sendete, geht Borowski von Mord aus. Gemeinsam mit der Psychologin Jung stellt er dem Täter eine fiese Falle, in der er hineintappt. “Man denkt an nichts Böses”, bekommt er zu hören, als er ihn überführt. Der angefahrene Wolf führt den Kommissar zur Leiche.

Stimmungsvoll und stimmig
Der Zuschauer weiß von Anfang an, wer der Täter ist. Der Autor Sascha Arango gibt diesem Tatort sehr viel Raum, wie sich Täter und Umfeld danach verhalten. Dabei werden die Figuren sehr konkret gezeichnet. Selbst kleine Nebenrollen werden konkret dargestellt und nicht nur skizziert. Dazu gesellen sich gute Dialoge und stimmungsvolle Bilder und kleine Parallelgeschichten, die hervorragend zueinanderpassen. Die gute Dramaturgie und die feine Inszenierung runden diesen stimmigen und sehr guten Tatort ab.
(9/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Annabell, Sopran und Tittelbach.tv

(Bilder: NDR/Marion von der Mehden)

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